Karsten Schneider will Bürgermeister bleiben

Nach sieben Jahren geht am 31. August die Amtszeit von Karsten Schneider (Pro-Binz) als Binzer Bürgermeister zu Ende. Der 54-jährige Gymnasiallehrer will erneut antreten.

Warum treten Sie wieder an?

Karsten Schneider: Weil noch nicht alles erfüllt wurde, was ich mir in den sieben Jahren vorgenommen hatte. Das war auch nicht zu schaffen. Aber die Saat ist ausgesät und ich möchte bei der Ernte der Früchte dabei sein. Das Amt macht vorwiegend noch Spaß, aber es ist auch eine große Herausforderung, zum Beispiel die Entwicklung von Prora und des MZO-Geländes und ganz besonders die des EWE-Geländes.

Wenn Sie zurückblicken, worauf sind Sie am meisten stolz?

Karsten Schneider: Dass im letzten und vorletzten Jahr unsere drei kommunalen Haushalte in der Gemeinde, Kurverwaltung und Wohnungsverwaltungs GmbH äußerst positiv waren. Wir haben noch nie so viele Fördermittel akquiriert wie derzeit und noch nie für soziale Dinge wie Schule, Kindergarten und Vereine in den Größenordnungen investiert wie seit zwei Jahren. In diesem Jahr geben wir weit über zehn Millionen Euro aus für Rettungstürme in Prora, den Bau der Turnhalle und des Vereinsgebäudes und den Ausbau der Zinglingstraße. Nimmt man noch die privaten Investitionen, ist das europaweit einmalig. Allerdings ist das Wachstum der Ferienbetten nicht unproblematisch. Da ist eine berechtigte Angst da.

Was war für Sie in den letzten Jahren am prägendsten?

Karsten Schneider: Der erste wichtige Punkt war in der Anfangsphase die Auseinandersetzung mit der BImA (Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, Anm. d. Red.) hinsichtlich des MZO-Geländes. Die Gemeinde hatte das Grundstück verbilligt gekauft und sollte es verwerten, was nicht der Fall war. Deshalb drohte eine Vertragsstrafe von 20 Millionen Euro. Es konnte ein Kompromiss gefunden werden, was ich mir persönlich auf die Fahnen schreibe, denn es hatte keine Gespräche mehr mit der BImA gegeben. Wo ich beim zweiten Punkt bin: das erste Treffen mit der Bundeskanzlerin 2011 in Binz zum Kennenlernen. Dabei habe ich das Thema angesprochen. Schließlich gab es eine Einigung mit der BImA. Binz zahlte zwei Millionen und kann das Grundstück nun frei verwerten. Jetzt bauen wir die Turnhalle und beginnen mit der Vermarktung. Ich hätte nie gedacht, dass es 26 Jahre dauern wird, aber es hat an einem Beschluss gefehlt.

Was steht bei einer Wiederwahl noch auf ihrem Zettel zum Abarbeiten?

Karsten Schneider: Zum Beispiel die Verbesserung des Verkehrskonzeptes, wo wir jetzt final dabei sind. Die Schaffung von bezahlbarem kommunalen Wohnraum ist noch offen. Wir sind auf dem guten Weg mit Grundstücken für Ein- und Zweifa- milienhäusern am Alten Sportplatz. Doch die Gemeinde hat wenig Grundstücke und kann sich nicht ausdehnen. Auch die Granitz- halle ist noch nicht realisiert. Bisher fehlen noch Beschlüsse und es braucht natürlich auch Fördermittel. Auch ist der Standort vom MZO- zum EWE-Gelände gewechselt.

Sie sind als parteiloser Einzelkandidat ins Amt gestartet und seit ihrer Gründung 2013 in der Wählergemeinschaft Pro-Binz, die seit 2014 im Gemeinderat die meisten Sitze hat. Der „Wechsel“ hat einigen nicht gefallen. Sie werden immer wieder scharf kritisiert – auch öffentlich. Ist das politische Klima rauer geworden?

Karsten Schneider: Ist das nicht überall zu verzeichnen? Wir müssen wieder zu mehr Sachlichkeit kommen. Das eigene Wohl darf nicht vor dem Gemeindewohl stehen, sondern umgekehrt. Aber das Klima war schon rauer in Binz.

2015 als sie fast hinschmeißen wollten. Die Einführung der Binzer Einwohnerkurkarte im letzten Jahr wurde von einigen als vorfristiges Wahl- geschenk bezeichnet. Ärgert Sie das?

„Das Amt macht vorwiegend noch Spaß, aber es ist auch eine große Herausforderung.“ – Karsten Schneider

Karsten Schneider: Nein. In sechseinhalb Jahren ist mein Fell dicker geworden, das anfangs dünn war. Es gab Zeiten, da hatte ich Angst, die Zeitung aufzuschlagen. Aber ich habe ein Sportlerherz und wurde auch von anderen ermutigt. Ich bin ja auch wie die Jungfrau zum Kinde gekommen und wusste nicht, wie Kommunalpolitik funktioniert. Ich wollte meine Wahlziele durchsetzen und hatte mir das einfacher vorgestellt. Mir war nicht klar, dass einem hauptamtlichen Bürgermeister so die Hände gebunden sind, er hat ja nicht einmal eine Stimme in der Gemeindevertretung. Auf der Straße fragen mich die Bürger, warum Bestimmtes nicht gemacht wird und sagen: Dafür haben wir Dich gewählt.

Ein Bürgermeister ist nicht allein verantwortlich für die Entwicklung des Ortes, aber er kann dafür Impulse geben. Die Pläne für die Marina in Prora sollen Sie maßgeblich vorantreiben.

Karsten Schneider:  Was heißt vorantreiben, ich finde sie gut. Das heißt nicht, dass wir die Marina bauen. Aber wir müssen uns damit beschäftigen und alles prüfen, sonst kommt das immer wieder auf uns zu, wenn wir es jetzt nicht abarbeiten. Wir wollen keine Entscheidung, die für den Ort schlecht ist. Man muss untersuchen, wie sich die Marina auf die Binzer Bucht auswirkt und was mit den Strömungsverhältnissen ist. Wenn dies negativ ausfällt, muss man das Vorhaben fallen lassen. Der zweite Gedanke ist ein nachhaltiger Betrieb, damit es keine Investruine wird. Die Marina könnte eine prägende Funktion haben, die Prora braucht.

Können Sie sich noch an das Gefühl erinnern, als Sie zum ersten Mal die Amtskette umhatten?

Karsten Schneider: Das war ein sehr emotionaler Moment, das hängt auch mit der Verantwortung zusammen. Es ist schon ein tolles Gefühl, Bürgermeister von Binz zu sein. Die Reputation außerhalb von Rügen ist gewaltig, unabhängig von meiner Person. Ich bin immer ein sehr gefragter Gesprächspartner, alle kennen das Ostseebad Binz. Das ist schon was!

Wenn es mit der Wiederwahl nicht klappt, gehen Sie dann in den Schuldienst zurück?
Der Plan ist, die Wahl zu gewinnen.

Interview: Gerit Herold – Ostsee-Zeitung

Bürgermeister im OZ-Interview

Großes Interview von Bürgermeister Karsten Schneider mit der Ostsee-Zeitung von 28. Januar 2017.

>>Prora kein Konkurrent zu Binz

Bürgermeister Karsten Schneider über aktuelle kommunale und persönliche Herausforderungen

OZ:Immer wieder kommunalpolitische Querelen, die Herausforderung mit der rasanten Entwicklung Proras, der Druck als „touristisches Flaggschiff Binz“. Und nach der Sturmflut ist auch noch der Strand weg. Haben Sie noch Spaß, morgens zur Arbeit zu gehen?

Karsten Schneider: Ich habe schon immer darauf geachtet, dass meine Arbeit überwiegend Spaß macht, sonst wird man de- pressiv. Es gibt immer wieder He- rausforderungen in diesem Amt. Wenn man denkt, jetzt ist gerade alles gut – so wie nach Silvester, als alles im Ort super gelaufen ist – dann kommt die Sturmflut, und der Berg von Aufgaben ist riesen- groß. Aber das ist auch das Span- nende. Das war auch damals meine Motivation, Bürgermeister zu werden. Also eindeutig: Ja, es macht noch Spaß.

OZ: Apropos Sturmflut: Binz hat es be- sonders hart getroffen, große Teile des Strandes und der Dünen sind beschädigt worden. Gibt es schon genaue Zahlen zu den Schäden? Karsten Schneider: Noch nicht. Aber wir haben schon die erste Schätzung nach oben korrigiert auf über 600 000 Euro. Sie hatten angekündigt, Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Neujahrsempfang des Landkreises auf das Thema anzusprechen. Hat das geklappt?

Karsten Schneider: Wir hatten eine viertel Stunde Zeit, darüber zu reden. Sie hat Hilfe und Unter- stützung zugesagt und auch jetzt nochmal nachgefragt, wie alles anläuft. Wenn es eng wird, könnten sicher auch Bundesmit- tel fließen. Aber es sieht gut aus mit der angekündigten Hilfe von 25 Millionen Euro vom Land, das erkannt hat, wo die Verantwortung liegt.

OZ: Die Gemeinden müssen erst einmal in Vorleistung gehen. Hat Binz das Geld?

Karsten Schneider: Eine Gemein- de ist gut beraten, für solche Fälle im Haushalt Mittel einzustel- len. Binz macht das jedes Jahr mit 100 000 Euro. Aber wir ha- ben auch viel Unterstützung von der einheimischen Unternehmer- schaft erhalten mit Technik und Manpower. Dafür möchte ich nochmal Danke sagen.

OZ: Ist Binz, wie meist von Außenste- henden beurteilt, reich?

Karsten Schneider: Es ist die Frage, wie reich definiert wird. Wenn Sie sich die Haushalte in vielen Kommunen ansehen, dann gehören wir zu den wenigen, die einen ausgeglichenen haben, dann kann man schon von reicher Kommune reden. Normal ist ja inzwischen, dass der Haushalt Defizite ausweist. Wir hatten 2015 ein Minus von rund 400 000 Euro. Nach einem Jahr Konsolidierungskurs sind wir im sicheren Fahrwasser. Auch 2017 haben wir wieder einen ausgeglichenen Haushalt hinbekommen. Damit sind wir handlungsfähig und können selbst bestimmen und investieren.

OZ: Warum muss die Gemeinde ausgerechnet an einem Kopierer sparen, der der Regionalen Schule gesperrt worden sein soll, weil angeblich zu viel Papier verbraucht wurde?

Karsten Schneider: Der Kopierer ist nicht gesperrt. Der Papierver- brauch war überall auf dem Prüf- stand. Es gibt ein Limit, das nicht ungehemmt überschritten werden kann. Aus meiner 23-jährigen Erfahrung als Lehrer weiß ich, wovon die Rede ist. Letztendlich ist es eine Entscheidung der Schulleitung, die auch einen Haushalt hat.

OZ: Was sind die wichtigsten Investionen der Gemeinde in diesem Jahr?

Karsten Schneider: Ganz oben steht unser Turnhallenneubau an der Grundschule. Damit wollen wir im März beginnen. Weiterhin stehen die Sanierung der Zinglingstraße, der Ausbau des Parkplatzes am Klünderberg, der Neubau von zwei Lagerhallen auf dem Plan. Außerdem investieren wir in Spindelmäher und neue Sanitäranlagen im Stadion, Straßenlaternen und in ein Parkleitsystem Prora.

OZ: Sollte am Klünderberg nicht ein Parkhaus errichtet werden?

Karsten Schneider: Wir haben uns entschieden, dort nur ein Parkdeck zu bauen. Ein Parkhaus soll auf dem MZO-Gelände errichtet werden.

OZ: Gibt es ein Verkehrskonzept, vor allem in Hinblick auf die Anbindung von Prora?

Karsten Schneider: Das wird gerade erarbeitet und ist im Laufe des Jahres fertig.

OZ: Seit mehreren Jahren bieten Sellin, Baabe und Göhren in Zusammenarbeit mit der Verkehrsgesellschaft Vorpommern-Rügen (VVR) für Gäste mit Kurkarte einen fahrpreislosen ÖPNV an. Dafür soll auch Binz mit ins Boot, heißt es schon lange. Aber auch, dass sich die Gemeinde ziere.

Karsten Schneider: Das hat nichts mit zieren zu tun, sondern mit den immensen Kosten, die die VVR von uns will. Wir sind bisher noch nicht zusammenge- kommen, aber prinzipiell offen und denken noch weiter – an ein Busangebot von Thiessow bis zum Kap Arkona.

OZ: Der auf dem Grundstück der alten Schule Prora geplante 100 Meter hohe Wohnturm ist nach dem Bürgerentscheid vom Tisch. Wie geht es mit dem gemeindeeigenen Grundstück nun weiter?

Karsten Schneider: Es gibt noch Ideen von anderen Investoren. Die werden jetzt in den Gremien vorgestellt.

OZ: Ideen gab es für das als Touristenparkplatz genutzte MZO-Gelände (Mehrzweckobjekt) zwischen Binz und Prora in der Vergangenheit viele. Welche werden nun verfolgt?

Karsten Schneider: Dort sollen neben der neuen Schulsporthal- le und einem Parkhaus Pflege- einrichtungen und Generationswohnen entstehen. Der Rest ist zur freien Nutzung für Wohnen und Beherbergung. Wir haben ein Büro beauftragt, das uns bei der Entwicklung des Areals unterstützt. Ein wichtiger Punkt ist auch die Entwicklung des EWE-Geländes. Dort soll eine Drei-Felder-Halle gebaut und zusammen mit dem Kunstrasenplatz und dem Stadion ein Sportareal geschaffen werden. Die Gemeindevertretung hat sich schon wohlwollend dazu positioniert, jetzt geht das Thema in die Ausschüsse. Das Vorhaben ist auch touristisch interessant, vor allem für die Saisonverlängerung. Das Hauptaugenmerk liegt aber auf einer Nutzung für die Binzer. Ich hoffe, dass wir 2018 richtig loslegen können. Wir sind neben dem Wirtschaftsministerium zwecks Förderung auch in Gesprächen mit Sportfirmen.

OZ: Wie weit ist die Machbarkeitsstudie für eine Marina?

Karsten Schneider: Ich denke, die erste Vorstellung in den Gremien wird Ende März sein. Und, so viel sei schon gesagt, es wird herauskommen, dass die Marina machbar ist. Aber nicht in Binz, sondern in Prora.

OZ: Ob der Hafen wirklich kommt oder nicht, muss die Gemeindevertretung aber noch entscheiden.

Karsten Schneider: Genau.

OZ: Ende letzten Jahres haben Sie wieder die alljährlichen Einwohnerversammlungen in Binz und Prora abgehalten. Was bewegt die Bürger am meisten?

Karsten Schneider: Eindeutig die Entwicklung von Prora.

OZ: Gibt es auch Ängste, Prora könnte Binz einmal übertrumpfen?

Karsten Schneider: Hm, Prora muss ja nicht Konkurrenz werden, sondern sollte sich symbiotisch mit Binz entwickeln. Das wird von den Investoren auch so getan. Prora kann schon moderner, hipper und bunter sein, Binz ist mondän, mit altem Charme, Bäderarchitektur und dem Leuchtturm Kurhaus. Gerade darin liegt das Interessante.

OZ: Im kommenden Jahr sind Sie sieben Jahre im Amt und die Neuwahl des Bürgermeisters steht an. Werden Sie wieder antreten?

Karsten Schneider: Och, momentan ist so viel zu tun, dass ich keine Zeit habe, darüber nachzudenken. Naja, laut Kommunalverfassung bin ich verpflichtet, mich der Wiederwahl zu stellen (schmunzelt).

OZ: Sie sind als Vize-Weltmeister der Senioren im Kugelstoßen der sportlich erfolgreichste Bürgermeister im Land. Sport – ihr Ausgleich zum Alltag?

Karsten Schneider: Auf jeden Fall. Ich bin froh, dass ich vor ein paar Jahren wieder zum Sport gefunden habe. Ich habe in mei- ner Amtszeit 15 Kilo zugenommen. Jetzt ist das gestoppt und ich hoffe, es werden ein paar Kilos weniger. Ich habe den Fünfkampf der Wurfdisziplinen für mich entdeckt, leider kann man die auf der Insel schlecht trainieren. Mein Hauptziel dieses Jahr ist die EM in Dänemark.

Interview: Gerit Herold